ENGADINERFENSTER

Der hier folgende Beitrag gliedert sich in:                                                                                                                                            1. Clemgiaschlucht, GR                                                                                                                                                                              2. Motta Naluns, GR                                                                                                                                                                                    3. Überlegungen zum Engadinerfenster


1. Clemgiaschlucht

Zum ersten Mal besuchte ich die Schlucht im Sommer 1976. Die Jahre danach kam ich immer mal wieder hierher. Mein letzter Besuch war Sommer 2008. Die Fotos sind aus 2006 und 2008.
Nach dem Eintritt in die Schlucht (von Vulpera aus) gelangt man bald in den Bereich des grossen Serpentinit-Aufschlusses. Ich staune immer wieder über die gewaltigen Geröllhänge, die den Wanderweg säumen. Ganz im Gegensatz zu Granit ist dieser Serpentinit zersplittert.
 

Steigt man weiter, beeindrucken die Formungen der anstehenden Felsen. Sie sehen aus wie regelrechte Plastiken eines Künstlers.
Was hat sich hier einst ereignet? Welche gewaltigen Kräfte waren hier im Spiel?                                                                  Mir kam diese Felswand vor wie ein Bild erstarrter Lava. Dramatische Vorgänge müssen sich hier abgespielt haben. Ich hatte nicht viel Ahnung, fotografierte diese Stellen, einfach weil ich an den Formungen Freude hatte.                      Bald darauf folgten andere Stellen, die eine ganz andere Textur aufwiesen. Vom "Bewegt-Dickflüssig-Fliessenden" änderte sich die Gestaltung in etwas Lineares, etwas Kristallin-Ähnliches.

Diese Steine zeigten von der Seite ein feines Profil. Zunächst fasste ich das Erscheinungsbild als ein charakteristisches Merkmal des Gesteins auf. Ich fragte mich, wie dieser linienhafte Verlauf, der mir wie Faserbündeln vom Gestein erschienen, entsteht? Bis ich erkennen musste, dass dieses Profil nicht vom Gestein gebildet ist. Der relativ weiche Stein war durch Verschiebung an einer auskragenden, härteren Kante eines anderen Gesteins entlang geschoben worden und diese Kante hatte sich in das weiche Gestein eingegraben und dieses Profil hinterlassen.

Ein erster Brocken der Clemgiaschlucht nahm ich bereits in den siebziger Jahren mit nach Hause, bearbeitete ihn mit Hammer und Meissel und polierte ihn mit Schleifsteinen und Poliertüchern.
Später habe ich den oben abgebildeten Brocken (200 x 140 x 110 mm, immer noch mit einem Gewicht von 6.5 Kg) an der Schleifmaschine bearbeitet. 

 

2. Motta Naluns

Blick ins Inntal von Motta Naluns

Als ich von der Seilbahnstation den Hang hochstieg, wurde der Bergkamm auf der nördlichen Seite sichtbar. Auffallend waren die in Schutthalden verwandelten Berge und die seltsame Färbung der Geröllhalden. 

Was unten in der Clemgiaschlucht verborgen liegt, findet man hier oben wieder als Gestein des Bergmassivs (der höchster Gipfel ist fast 3000 m hoch). Aber was zwischen der Clemgiaschlucht und Motta Naluns liegt, besteht aus viel jüngerem Gestein. Unvorstellbar wie im Unterengadin die Gesteinsmassen durchwühlt scheinen!

3. Engadinerfenster

Was als sonderbare Gesteinsabfolge im Unterengadin erscheint, wird in Fachkreisen das Engadinerfenster genannt.                                              Nach den Ausführungen, die ich zu diesem Thema fand, kann man sich den geologischen Zusammenhang etwas folgendermasse denken:

Die zwei Kontinentalplatten (Europa und Afrika) haben sich vor Millionen von Jahren aneinandergeschlossen. Der Boden des Tethysmeeres, das zwischen beiden Kontinenten lag, wurde dadurch "zusammengeschoben" und in die Gesteinsmassen der Alpen hineingepresst.                                                                                                  Weil öfter von einer "Kollision" der Erdplatten die Rede ist, denkt man all zu leicht an einem katastrophalen Vorgang. Diese Vorstellungen werden noch verstärkt, wenn in Büchern gesprochen wird von einem "Wegreissen" von Gesteinsmassen. Die Vorgänge, die sich abgespielt haben, sind nicht zu vergleichen mit dem Zusammenstossen von Eisschollen auf dem Meer. Die Bewegungen der Kontinentalplatten lassen ein friedliches Leben zu! Es geht alles so langsam. Niemals wäre eine Grossstadt wie Istanbul entstanden, wenn man gewusst hätte, dass sich hier die Erdplatten, Eurasien und Anatolien, im Marmarameer beständig aufeinander zu bewegen und Istanbul nach den Berechnungen von Wissenschaftlern heute höchst erdbebengefährdet ist. Aber niemand flüchtet.

So kam es in Engadin zu einer Überschiebung mit Ozeanbodengesteinen. Durch Auftriebskräfte wurde die Erdplatte in die Höhe getrieben. Dann wurde das Gebirge durch Erosion abgetragen und irgendwann trat die zunächst verdeckte jüngere Erdschicht wieder als "Fenster" hervor.

So ist vorstellbar, was als Gesteinsabfolge unglaubwürdig scheint.







Ich werde später zu dem Ozeanbodengestein (die Ophiolithe und speziell zum Serpentinit) einen weiteren Beitrag hinzufügen.